Zum Inhalt springen

4. Geschichte der Bewohner

Die Landwirtschaft war für die Weiseler Jahrhunderte lang die Basis ihrer Existenz. Zwar sind etliche Handwerker im Laufe der Jahrhunderte nachgewiesen, sie produzierten aber hauptsächlich für den lokalen Bedarf und konnten vom Handwerk alleine nicht leben. So sind Leinenweber, Bäcker, Schmiede, Schneider, Schreiner und Zimmerleute, Krämer, Maurer, Schuhmacher und Wagner kontinuierlich in Weisel nachgewiesen, vereinzelt auch Hosenstricker, Metzger, Strohschneider und Leyendecker (Schieferdecker).

Die Mühle in der Harbach wurde 1684 von Peter Meller von der Heppenhofmühle zwischen Bornich und Niederwallmenach erbaut und betrieben, wenige Jahre später kam die obere Harbacher Mühle dazu, vermutlich errichtet von Johann Peter Buschbaum. Zunächst Buchen- oder Buschenmühle genannt, heißt sie heute im Volksmund „Henkmielsche“, weil sich ein früherer Besitzer dort aufgehängt haben soll. Die dritte Mühle oberhalb der ersten wurde 1777 an Stelle einer alten Ölmühle errichtet. Vor 1684 ist eine Schleifmühle in der Harbach erwähnt, wer sie erbaut oder betrieben hat, ist bislang nicht bekannt. Auch die Müller konnten von ihrer Arbeit nicht leben: die Hälfte des Jahres lagen die Mühlen still wegen Wassermangels und die Weiseler mussten in Bornich mahlen lassen.

Das Recht, Wein und Bier auszuschenken und damit eine Wirtschaft zu betreiben, wurde in Weisel Jahrhunderte lang immer für mehrere Jahre verpachtet und wechselte daher häufig. Auch die Kuh-, Schweine- und Schafhirten wurden jährlich verpflichtet. Insbesondere die Schäfer kamen häufig von auswärts, blieben ein oder mehrere Jahre und verschwanden dann wieder. Um ihnen Unterkunft zu bieten, besaß die Gemeinde drei Hirtenhäuser, die 1697 alle abgebrannt waren und in der Klappergasse neu errichtet wurden.

Neben den Hirten wurden jährlich auch ein oder zwei Nachtwächter und sechs Waldschützen sowie Holzeinweiser aus der Gemeinde verpflichtet, die vor allem darauf zu achten hatten, dass kein Holz und keine Früchte gestohlen und keine Bäume ohne Erlaubnis geschlagen wurden. Der Nachtwächter ging nachts durchs Dorf, blies die Uhrzeit und sollte vor allem vor Bränden und Überfällen warnen.

Die Hebamme war das einzige Amt, das den Frauen vorbehalten war, und das auch von den verheirateten Frauen durch Wahl selbst besetzt werden durfte.

Der Lebensrhythmus der Weiseler Bewohner war wie überall bis in das 20. Jahrhundert von den Jahreszeiten, dem Wetter und den Erfordernissen der bäuerlichen Arbeiten bestimmt. Man musste sich im Wesentlichen selbst versorgen. Die wenigen Überschüsse wurden auf den einheimischen Märkten, der Kerb in Weisel, in Kaub oder in Bacharach verkauft. Zwar besuchten die Weiseler auch die „ausländischen“ Märkte wie z. B. in Nastätten, Lorch, Oberwesel, St. Goar, Limburg, Bingen oder sogar in Frankfurt, doch hielt sich Warenein- und -ausfuhr hier in Grenzen wegen der hohen Zölle, die man zu zahlen hatte.

Angebaut wurde vieles, was zur Selbstversorgung nötig war und heute zum Teil kaum noch bekannt ist: Korn und Hafer, Gerste und Weizen als Brotgetreide und fürs Vieh, später auch Kartoffeln, Stroh für die Dächer, Flachs und Lein zur Herstellung von Garn und Kleidung, Rüben zur Zuckergewinnung, Raps und Lein als Ölfrüchte und vieles mehr. Die Wolle der Schafe wurde versponnen, aus der Milch der meistens nur ein oder zwei Kühe – für mehr reichte das Futter nicht – oder der Geißen wurde Milch und Käse gewonnen. Ein oder zwei Schweine im Jahr, Hühner, Tauben, gelegentlich Schafe oder Geißen, aber nur selten Rindfleisch oder Wild deckten knapp den Fleischbedarf. Weil es noch keinen Kunstdünger gab, war der Mist so wertvoll, dass er in Erbteilungen mit eingerechnet wurde und jährlich die Wege im Dorf abschnittsweise versteigert wurden, um ihn aufzusammeln. Jede Art von Obst wurde restlos verwertet und unzählige Konflikte entstanden um die Nutzungsrechte und das Abernten von Apfel- Birnen-, Kirsch- und Pflaumenbäumen. Die Schweine wurden im Herbst in den Wald getrieben um Bucheckern und Eicheln zu fressen, wilde Beeren und Nüsse wurden gesammelt, Krebse in den Bächen und manchmal auch Fische im Rhein gefangen, Bienenstöcke gepflegt (woher die Honiggasse ihren Namen hat) und meist mehrere Gärten mit Gemüsen und Kräutern bepflanzt, darunter auch Knoblauch, Meerrettich und etliche Heilkräuter. Das meiste wurde selbst hergestellt: Nahrung, Brot, Kleidung und Seife, Kerzen, Lampenöl, einfache Möbel und Werkzeuge, der Ausbau von Häusern und Nebengebäuden und vieles andere. Das Holz im Wald diente vor allem der Feuerung und dem Hausbau, den Zimmerleuten, Schreinern, Wagnern und Küfern aber auch als Rohstoff und den Schmieden als Ausgangsmaterial zur Herstellung von Holzkohle.

Der Ackerbau wurde in Dreifelderwirtschaft betrieben, und fast alles wurde in Gemeinschaft erledigt: Mäh- und Erntezeiten wurden vom Rat festgelegt, damit niemand dem andern über sein Grundstück fuhr, Wege gab es wenige, um wertvollen Ackerboden zu sparen, für viele Arbeiten war die Hilfe der Nachbarn oder Verwandten nötig und selbstverständlich.

Dass sich kaum Wohlstand und erst recht kein Reichtum in Weisel entwickeln konnte, lag auch an den außergewöhnlichen Belastungen in Kriegszeiten und den vielen großen Dorfbränden. Vor allem im 30jährigen Krieg (1618-1648) und im Spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714) mussten die Weiseler (wie die gesamte Kurpfalz) unglaubliche Geldsummen aufbringen und der Regierung oder den Besatzern abliefern, hinzu kamen immer wieder Sondersteuern z. B. für Huldigungen und Schlossbauten. Mehrfach wurde Weisel von verheerenden Bränden heimgesucht. 1697, 1722, 1810, 1872 und 1883 brannten jeweils große Teile des Dorfes ab, so dass es nur wenige Häuser gibt, die älter sind als 300 Jahre. Nach jedem Brand wurden Grundstücke neu aufgeteilt und Wege verändert, so dass es teilweise schwierig ist, das Ortsbild im Detail zu rekonstruieren. Und nach jedem Brand fingen die Besitzer der zerstörten Häuser wieder von vorne an, mussten sich Geld leihen und sich über Generationen hinweg verschulden.

Weisel war schon immer ein verhältnismäßig großes Dorf, dessen Bevölkerung durch Seuchen und Kriegszeiten aber immer wieder dezimiert worden ist. Vor dem 30jährigen Krieg dürfte teilweise bis zu 400 Menschen in Weisel gelebt haben, danach waren es nur noch um die 200-300. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts stieg die Bevölkerungszahl wieder deutlich an, so dass die alten Dorfgrenzen langsam zu eng wurden. Nachdem die freien Flächen innerhalb der alten Dorfbefestigung mit Graben und drei Toren (Brückenpforte, Alte Pforte und Neue Pforte) alle bebaut waren, begann man Anfang des 18. Jahrhundert auf den Graben zu bauen, ab 1750 auch darüber hinaus. Nach 1800 waren die alten Befestigungsgräben und -tore dann zu eng und überflüssig geworden, sie wurden zu Beginn des 19. Jahrhunderts abgerissen und die Gräben weitestgehend aufgefüllt. Trotzdem kann man ihren Verlauf noch heute gut im Ortsbild erkennen. 1818 lebten in Weisel 615 Menschen, 1925 waren es 803, 1961 984 und heute sind es über 1100 (1).

Die größten Veränderungen erlebte Weisel – wie die meisten Dörfer – erst nach dem Zweiten Weltkrieg: die Landwirtschaft ging mehr und mehr zurück und verlor ihre Bedeutung, die Menschen lernten andere Berufe, studierten und suchten ihre Arbeit vorwiegend außerhalb des Dorfes. Einige Gewerbebetriebe entwickelten sich zu wichtigen Arbeitgebern im Dorf. Dieser radikale Strukturwandel, der hier nur kurz angedeutet werden kann, hat das Leben in Weisel so nachhaltig verändert wie keine andere Zeit vorher – sicher ein Grund, warum die Weiseler ihrer Geschichte heute so viel Interesse entgegenbringen.

1. Rang, Schick u.a. 1965, S. 67.