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3. Kirchengeschichte

1324 verschenkte Pfalzgraf Adolf das Patronatsrecht der Kirche in Weisel und ihrer Filialkirche in Kaub an das Kloster Klarenthal bei Wiesbaden, wo seine Mutter begraben lag. Mit dem Patronatsrecht erwarb das Kloster das Recht, den Weiseler und Kauber Pfarrer einzusetzen, womit auch die Einnahmen aus dem Zehnten verbunden waren, die die Weiseler, Dörscheider und Kauber Einwohner zu zahlen hatten. Weisel war zum damaligen Zeitpunkt die Mutterkirche von Dörscheid und Kaub, der dortige Pfarrer erhielt 10 Mark und 27 Albus an Besoldung, der Kauber Pfarrer nur 5 Mark (1). Mit der Reformation, die spätestens 1546 im Unteramt Kaub Einzug hielt, wurde diese Schenkung von Kurpfalz wieder zurückgenommen. Weisel und seine Nachbarorte wechselten mit dem jeweiligen pfälzischen Landesherren nun mehrmals die Religionszugehörigkeit, mal war das lutherische, mal das reformierte Bekenntnis vorgeschrieben, bis sich das letztere schließlich durchsetzte, nicht ohne Widerstand der Bewohner. So sind in den Jahrzehnten vor dem 30jährigen Krieg (1618-1648) etliche Konflikte der Pfarrer mit den Weiseler und Dörscheider Bürgern in den Kirchenbüchern festgehalten, letztlich setzten sich Pfarrer und Obrigkeit aber durch. Spätestens bis zum Ende des 17. Jahrhunderts waren die Einwohner beider Dörfer überzeugte Anhänger des reformierten Glaubens, die sich – wie die Mehrheit der pfälzischen Bevölkerung – auch von den Rekatholisierungsversuchen der katholischen Regierung von Pfalz-Neuburg ab 1685 nicht mehr davon abbringen ließen (2).

Von auswärts zogen nach dem 30jährigen Krieg katholische Neubürger in Weisel zu. In Kaub wurde spätestens ab 1685 wieder regelmäßig katholischer Gottesdienst abgehalten und eine neue katholische Gemeinde gegründet, dazu wurde die dortige Kirche in der Mitte geteilt, was bis heute gültig ist. Versuche, auch die Weiseler Kirche zu teilen, scheiterten schließlich am Widerstand der reformierten Bewohner. Unter Katholiken und Reformierten in Weisel gab es in dieser Zeit erhebliche Spannungen, die sich in handfesten Auseinandersetzungen äußerten: 1699 läuteten die Katholiken die Glocken, so dass die Reformierten dachten, es wäre ein Brand ausgebrochen, aus Empörung fingen sie eine wilde Schlägerei an, für die sie später vom Kauber Zollschreiber hart bestraft wurden.

Die Rekatholisierungspolitik der pfälzischen Regierung und die Auseinandersetzungen mit der Bevölkerung zogen sich bis zur Pfälzischen Religionsdeklaration von 1705 hin, die auf Druck Preußens zustande gekommen war, die auch künftig als Schutzmacht der evangelischen Interessen fungierte. Allen drei Konfessionen (reformiert, lutherisch und katholisch) wurde nun Gewissens- und Kultfreiheit zugesagt, das Kirchenvermögen im Verhältnis 5:2 zwischen Reformierten und Katholiken geteilt und die Kirchen jeweils einer Konfession zugesprochen (3). So ging auch die Weiseler Kirche 1707 endgültig wieder in das Eigentum der reformierten Gemeinde über.

Einfluss nahm die pfälzisch-katholische Regierung aber weiterhin bei der Besetzung der Ämter: auch in Weisel sollten die Funktionsträger möglichst katholisch sein. Mit Christoph Hiernonymus Nagel trat 1705 der erste katholische Schultheiß sein Amt an, der letzte war Carl Simon, der bis in die nassauische Zeit amtierte. Vermutlich 1722 errichtete die Gemeinde eine erste katholische Schule, und 1764 wurde auf dem Grundstück des früheren Schultheißen Tack neben dem Kirchhof eine katholische Kapelle errichtet, die aber 1847 schon wieder abgerissen und 1856 durch die Sebastianskapelle in der Altpforterstraße ersetzt wurde.

Die alte reformierte Weiseler Kirche, die über einen Chor verfügt hatte, samt dem seitlich angebauten Turm war gegen Ende des 18. Jahrhunderts so baufällig, dass sie abgerissen und 1776-1777 neu errichtet werden musste. Der Kirchturm wurde erst 1781 neu gebaut, war aber so schlecht konstruiert, dass er schon 1813 wieder vom Einsturz bedroht war und erneut abgerissen werden musste. 1823 wurde der heutige Turm nach einem Gutachten und Plänen von Christian Zais aus Wiesbaden fertiggestellt. Aus der alten Kirche wurden die drei Glocken übernommen: Die kleinste, die den Namen Maria trägt und 1513 gegossen worden ist, stammt noch aus der katholischen Zeit. Die große Glocke wurde im Jahr 1553 von Paul Fischer und Hans Weisbrod aus Bingen gegossen und wurde im II. Weltkrieg zum Einschmelzen weggebracht. 1945 wurde sie unversehrt wiedergefunden und am 06.01.1948 wieder nach Weisel zurücktransportiert. Beide Glocken hängen heute wieder im Kirchturm und läuten täglich wie schon seit fast 500 Jahren. Mit der mittleren Glocke hatten die Weiseler weniger Glück. Sie war 1661 gegossen worden und trug die Namen des damaligen Pfarrers Martin Schramm, des Schultheißen Nikolaus Fetz und der amtierenden Ratsleute. 1896 wurde sie umgegossen, weil sie einen Sprung hatte, und verlor dadurch ihre alte Inschrift. Sie musste schon im I. Weltkrieg abgegeben werden und wurde eingeschmolzen. 1928 schaffte die Gemeinde stattdessen eine neue Glocke an, die wiederum dem II. Weltkrieg zum Opfer fiel. 1951 stiftete das Ehepaar Kleinböhl zur Erinnerung an ihren gefallenen Sohn Karl eine neue Glocke, die den Namen „Carolus“ erhielt und die das Ensemble wieder komplettierte.

1817 vereinigten sich die Reformierte und die Lutherische zur bis heute bestehenden Evangelischen Kirche. Diese Union wurde, wie überall in Nassau, auch in Weisel damals groß gefeiert.
 

1. Walter Czysz: Klarenthal bei Wiesbaden. Ein Frauenkloster im Mittelalter, Wiesbaden 1987.

2. Röhricht, Wilhelm: Von Kämpfen und Siegen des evangelischen Glaubens. Bilder aus der Geschichte der evangelischen Gemeinden des Kirchenkreises St. Goarshausen, St. Goarshausen 1927.

3. Schaab, Meinrad: Geschichte der Kurpfalz, Stuttgart, Band 2, Berlin, Köln 1992.