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Willi Göttert

Offizier und Theologe, Autor und Kämpfer für den Frieden

*13. März 1911 Weisel   †25. April 2008 Rüsselsheim 

Willi Göttert wächst als ältester von zwei Söhnen des Weiseler Landwirts Karl Heinrich Göttert und dessen aus Grebenroth gebürtiger Ehefrau Emilie geb. Vogt  zunächst in Weisel auf.

In seinem neunten Lebensjahr zieht die Familie nach Braubach/Rhein, wo die Eltern die Leitung des Christlichen Erholungsheims übernehmen. Dem Hessen-Nassauische Gemeinschaftsverband ist in der Marksburgstadt 1918 der Rheinische Hof übereignet worden und die französische Kreisverwaltung die Nutzung des Heims ab Juli 1919 erlaubt. Zunächst finden hier zahlreiche christliche Freizeiten und Zusammenkünfte statt, mit Beginn des Beherbergungsbetriebes ab 1929 kommen auch weitgereiste Hausgäste und so lernen Willi und sein jüngerer Bruder Ernst internationale Besucher kennen, Menschen aus Holland, Schweden und England. Willi besucht das Gymnasium in Oberlahnstein und erlangt 1930 das Abitur.

So distanziert der junge Mann die Wirren der Weimarer Republik und die sich gegenseitig attackierenden politischen Gruppierungen betrachtet, so selbstverständlich gilt ihm der Waffendienst fürs Vaterland. 1934/35 dient er ein Jahr freiwillig in der Reichswehr und kommt als Offiziersanwärter zurück. Da liegt seine SA-Mitgliedschaft schon als sechsmonatige Kurzepisode hinter ihm, in die er nach eigenem späterem Urteil naiv-unpolitisch hineingestolpert war. Als er seine Unterschrift zum unbedingten Führergehorsam auch in der Kirche verweigert, wird er schon im November 1933 wieder aus der SA ausgestoßen und spätestens als der Landesbischof der Deutschen Christen ihm die Zulassung zum 1. theologischen Examen verwehrt, erkennt Willi Göttert den totalitären Anspruch des Systems.  

Als junger Theologiestudent wird er in Braubach zudem hautnah Zeuge des sich zuspitzenden Kirchenkampfs,  der 1934 in der Strafversetzung des Gemeindepfarrers gipfelt. Göttert engagiert sich im mitgliederstarken Braubacher Ev. Treubund gegen diese und andere Maßnahmen der Deutschen Christen. Für ihn ist es auch selbstverständlich, den einzigen in Braubach lebenden Juden freundlich zu grüßen - trotz der daraus resultierenden Polizeihaft und Anklage. Ebenso mutig bezieht er 1938 in Bad Ems - inzwischen mit theologischem Examen (1936) Assistent des dortigen Pfarrers - von der Kanzel mutig Stellung gegen die Ereignisse der Pogromnacht im November, obwohl die Gestapo seine Predigten zuvor schon überwacht, den jungen Vikar nach dem „Heimtückegesetz“ angeklagt, -wohl durch Adolf Eichmann - gnadenlos verhört und aus seiner hessischen Gemeinde ausgewiesen hat. Nach Götterts offener Kritik an den Emser Ausschreitungen droht ihm Schlimmeres: Ein Braubacher Schulkamerad, jetzt führend in der Emser NSDAP, macht ihm unmissverständlich klar, dass er ihn vor der Einlieferung in ein KZ bewahrt hat. Doch das schützt Göttert nicht vor Pöbeleien und permanenten polizeilichen Meldeauflagen. Da empfindet er die Einberufung zu einer Wehrübung im Frühjahr 1939 fast als Erleichterung, zumal die Repressionen danach unterbleiben.

Im August wird er zur 79. Infanteriedivision eingezogen, Tage später steht seine Einheit bei Kriegsausbruch an der Westfront. Willi Göttert erwirbt als Offizier höchste Auszeichnungen im Kampf an der Ostfront und die Anerkennung seiner Soldaten. In einem Feldlazarett erlebt er 1941 aus nächster Nähe den Tod seines im Feld verwundeten Bruders Ernst - für ihn die schlimmste seiner unzähligen, unvorstellbar grauenhaften Erfahrungen im 2. Weltkrieg.

   

Die Erlebnisse verändern den Menschen Willi Göttert. Von seinen christlichen Überzeugungen geleitet, wird er nach 1945 zum Kämpfer für den Frieden. Er distanziert sich kompromisslos vom Krieg, der ihm die Ohren verstopft und die Sinne betört hat, wie er wortwörtlich formuliert. 1958 - 1976 als Pfarrer in Rüsselsheim bezieht er Stellung für eine Friedenspolitik, bleibt auch im Ruhestand aktiver Streiter für eine behutsame Sicherheitsstrategie, warnt insbesondere vor den möglichen Folgen der atomaren Bedrohung. Er wird Sprecher der Rüsselsheimer Friedeninitiative, die in jahrelanger Arbeit den Entwurf für eine Konvention fürumfassende Abrüstung und geschützten Weltfrieden entwickelt. Göttert ist von Anfang an maßgeblich an der Gestaltung dieses Konzepts beteiligt, bringt es im Juni 1982 nach New York, wo er der 2. UNO-Sonderkonferenz seine Vision vortragen kann. Willi Göttert ist 92 Jahre alt, als er dieses Konzept überarbeitet und 2003 als Friedensplan zum Schutz des Weltfriedens vor Krieg und Terror vorlegt.

Bis ins hohe Alter bleibt er Pazifist, überzeugt, dass eine „Welt ohne Krieg“ keine Utopie bleiben und der Krieg sterben müsse, wenn auch nicht von heute auf morgen, so doch, ehe es zu spät ist.

Zweimal ist Willi Göttert mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt worden (1979, 1992), in Rüsselsheim behalten viele Menschen seine nimmermüde Tätigkeit auch nach seinem Tod in Erinnerung. Nicht auszuschließen, dass Willi Göttert noch als „Leuchtendes Vorbild“ im Lichtkunstwerk des Ratssaals zu Rüsselsheim verewigt wird. Seit 2010 steht er auf der Kandidatenliste in der Opel-Stadt, nur posthum kann diese Ehrung erfolgen. So könnte auch der Name seines Geburtsorts noch Einkehr halten in die zahlreichen über Willi Göttert veröffentlichten Texte und Internet-Seiten, wo Weisel - warum auch immer - in vielen Fällen fehlt. 

Klaus D. Schoch, Feb. 2021