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Willi Göttert

Offizier und Theologe, Autor und Friedensaktivist

Von Klaus D. Schoch, Okt. 2020

*3. März 1911 Weisel   †25. August 2008 Rüsselsheim

Willi Göttert wächst als ältester von zwei Söhnen des Weiseler Landwirts Karl Heinrich Göttert und dessen aus Grebenroth gebürtiger Ehefrau Emilie geb. Vogt zunächst in Weisel auf.

In seinem neunten Lebensjahr zieht die Familie nach Braubach/Rhein, wo die Eltern die Leitung des Christlichen Erholungsheims übernehmen. Der Hessen-Nassauische Gemeinschaftsverband hat in der Marksburgstadt 1918 den Rheinischen Hof erworben und die französische Kreisverwaltung die Nutzung des Heims ab Juli 1919 erlaubt. Zunächst finden hier zahlreiche christliche Freizeiten und Zusammenkünfte statt, mit Beginn des Beherbergungsbetriebes ab 1929 kommen auch weitgereiste Hausgäste und so lernen Willi und sein jüngerer Bruder Ernst internationale Besucher kennen, Menschen aus Holland, Schweden und England. Willi besucht das Gymnasium in Oberlahnstein und erlangt 1930 das Abitur.

Als junger Theologiestudent wird er in Braubach hautnah Zeuge des sich zuspitzenden Kirchenkampfs, der 1934 in der Strafversetzung des Gemeindepfarrers gipfelt. Göttert engagiert sich im mitgliederstarken Braubacher Ev. Treubund gegen die Führerkirche der Deutschen Christen und bezieht 1938 in Bad Ems – inzwischen mit theologischer Staatsprüfung (1936) Assistent des dortigen Pfarrers - von der Kanzel mutig Stellung gegen die Ereignisse der Pogromnacht im November, obwohl die Gestapo seine Predigten zuvor schon überwacht und den jungen Vikar aus seiner hessischen Gemeinde ausgewiesen hat. Ein Braubacher Schulkamerad in der Emser NSDAP behauptet, er habe Göttert vor der Einlieferung in ein KZ bewahrt. Die SA stößt ihn aus ihrem Verband aus, die Unterschrift zur innerkirchlichen Unterwerfungserklärung unter Hitler hat er verweigert.

Widersprüchlich und im Gegensatz zu seiner bisherigen systemkritischen Haltung erscheint Willi Götterts Auftreten als Soldat: 1939 geht er als Freiwilliger zur 79. Infanteriedivision, erwirbt als Offizier höchste Auszeichnungen im Kampf an der Ostfront und in der Heimat den Ruf eines Haudegens. In einem Feldlazarett erlebt er 1941 aus nächster Nähe den Tod seines im Feld verwundeten Bruders Ernst.

Später sieht er seine Haltung selbstkritisch und distanziert sich kompromisslos vom Krieg, der ihm die Ohren verstopft und die Sinne betört hat, wie er wörtlich formuliert. 1958-1976 als Pfarrer in Rüsselsheim bezieht er Stellung für eine Friedenspolitik, bleibt auch im Ruhestand aktiver Streiter für eine behutsame Sicherheitsstrategie, warnt insbesondere vor den möglichen Folgen der atomaren Bedrohung. Er wird Sprecher der Rüsselsheimer Friedeninitiative, die in jahrelanger Arbeit den Entwurf für eine Konvention fürumfassende Abrüstung und geschützten Weltfrieden entwickelt. Göttert ist von Anfang an maßgeblich an der Gestaltung dieses Konzepts beteiligt, bringt es im Juni 1982 nach New York, wo er der 2. UNO-Sonderkonferenz seine Vision vortragen kann. Willi Göttert ist 92 Jahre alt, als er dieses Konzept überarbeitet und 2003 als Friedensplan zum Schutz des Weltfriedens vor Krieg und Terror vorlegt.

Bis ins hohe Alter bleibt er Pazifist, überzeugt, dass eine „Welt ohne Krieg“ keine Utopie bleiben und der Krieg sterben müsse, wenn auch nicht von heute auf morgen, so doch, ehe es zu spät ist.

Zweimal ist Willi Göttert mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt worden (1979, 1992), in Rüsselsheim behalten viele Menschen seine nimmermüde Tätigkeit auch nach seinem Tod in Erinnerung. Nicht auszuschließen, dass Willi Göttert noch als „Leuchtendes Vorbild“ im Lichtkunstwerk des Ratssaals zu Rüsselsheim verewigt wird. Seit 2010 steht er auf der Kandidatenliste in der Opel-Stadt, nur posthum kann diese Ehrung erfolgen. So könnte auch der Name seines Geburtsorts noch Einkehr halten in die zahlreichen über Willi Göttert veröffentlichten Texte und Internet-Seiten, wo Weisel – warum auch immer – in vielen Fällen fehlt.

Eine ausführliche Biografie Willi Götterts sowie eine Darstellung seiner und der Rolle befreundeter Theologen im Kirchenkampf in Braubach und Umgebung findet sich in:

Schoch, Klaus D., Zwischen Rebenhügeln und großer Politik – Zur Geschichte der Stadt Braubach am Rhein im 20. Jahrhundert, Braubach 2016, Bd. 1,

zu beziehen durch: Loreley-Touristik Braubach, Rathausstraße 8, 56338 Braubach/Rhein.